"Alles Denkbare ist machbar", steht auf einem Poster im Konferenzraum der Firma Rameder in Munschwitz. Darunter sitzt Tobias Rameder, 39, Arbeitgeber für 130 Leute. Er trägt weißes Hemd zur Jeans und hat den dringenden Wunsch, mit allen Gerüchten aufzuräumen, die über sein Unternehmen kursieren.
Munschwitz. Gerüchte entstehen aus fehlendem Wissen. Und tatsächlich weiß man nicht viel über die Firma, die so rasant wuchs, dass der Bau eines Hochregallagers oder die Inbetriebnahme einer vollautomatischen Verpackungsmaschine schon wie Routine wirkte. Vier Schlagworte fallen dem Firmenchef ein, mit denen der Autoteilehändler an den Stammtischen der Region verbunden wird: Mafia, Sekte, Geldwäsche, Waffenhändler. Warum? "Weil sich die Menschen nicht vorstellen können, dass man mit dem Verkauf von Anhängerkupplungen Geld machen kann", sagt Tobias Rameder.
Das Call-Center des Unternehmens Rameder in Munschwitz.
Wer durch die klimatisierten Räume von Call-Center und IT-Bereich geht, durch die aufgeräumten Hallen von Lager und Versand, bekommt das Gefühl einer perfekt geölten Maschine. 15 Minuten braucht es im Schnitt vom Eingang einer Bestellung bis das gewünschte Teil versandfertig ist einschließlich Rechnung, Werbeprospekt und einer Tüte Gummibärchen, ohne die kein Paket Munschwitz verlässt. Die Anfänge der Firma Rameder sind schon mehrfach erzählt worden, deshalb hier im Schnelldurchlauf. Um den vier Kindern ein angenehmes Leben zu ermöglichen, kauft und verkauft der Vater von Tobias neben seinem bürgerlichen Job gebrauchte Autos. Weil in Jugoslawien, wo die meisten Autos hingehen, niemand Anhängerkupplungen braucht, werden sie vorher abgeschraubt und stapeln sich im Garten der Rameders. Als alle Nachbarn versorgt sind, schaltet man Anzeigen in Zeitungen, später in der ADAC-Motorwelt. Der Kundenkreis wächst.
In der Versandhalle des Unternehmens Rameder in Munschwitz unterhält sich Firmenchef Tobias Rameder (links) mit einem Mitarbeiter.
Tobias Rameder, das älteste der Geschwister, gelernter Kfz-Mechaniker und nach vier Jahren Bundeswehr soeben entlassen, sieht als 24-Jähriger amüsiert zu, wie leicht man mit dem Kauf und Verkauf von Anhängerkupplungen Geld verdienen kann. Von da an macht er fast alles richtig. Er geht nach Thüringen, wo eine ehemalige Pilzzuchtanlage in Munschwitz preiswert zu haben ist und der Postversand nur halb so viel kostet wie in Bayern. Er reserviert die Internetdomain www.kupplung.de und bringt von einer Südamerikareise die Idee mit der "0800-Kupplung" mit. Er sucht Mitarbeiter in Thüringen, die er in Bayern schulen lässt. Der Erste, den er einstellt, ist Dirk Schöler, heute Teilhaber der Firma. 1997 startet der Versand in Munschwitz. Rameder redet mit Herstellern, bezieht neue Kupplungen direkt von ihnen. Als die Mitbewerber die Konkurrenz aus Munschwitz wahrnehmen, ist es zu spät. Die Hersteller machen inzwischen mehr Umsatz mit Rameder als mit allen anderen.
"Ich wusste, du musst ganz schnell ganz groß werden", sagt Tobias Rameder. "Sonst machen sie dich kaputt". Der Umsatz verdoppelte sich jährlich, schnellte 1998 erstmals über zehn Millionen Euro, fünf Jahre später über 20 Millionen. Im vorigen Jahr knackte Rameder die 40-Millionen-Euro-Grenze, nächstes Jahr sollen es schon 50 sein. Man ist in Polen und Österreich vertreten, längst sind die verkauften Stückzahlen von Anhängerkupplungen, Dachträgern, Skiboxen und Fahrradträgern sechsstellig. Rameder, so scheint es, ahnt die Gefahren und ist stets einen Schritt voraus. Als die Post für den Versand der schweren Teile 25 Euro Strafe pro Stück aufschlägt, ist die vollautomatische Verpackungsanlage längst konzipiert und wird gerade aufgebaut. Als die Fußballer des FC Carl Zeiss Jena in die zweite Liga aufsteigen, erkennt Rameder die Gunst der Stunde, um auf der Brust der Kicker bundesweit Bekanntheit zu erlangen. 1,4 Millionen Euro hat er allein im ersten Jahr in den Jenaer Verein gebuttert. Und würde es immer wieder so machen, auch wenn er darüber, wie unprofessionell ein solcher Verein geführt wird, nur den Kopf schütteln kann. Inzwischen sponsert Rameder aus seinem millionenschweren Werbeetat lieber 3000 Kindermannschaften. "Da sieht man noch, wie sie sich freuen". Im Eingangsbereich der Firma gibt es Dankschreiben vom Kindergarten und Karnevalsverein aus Leutenberg. Das Unternehmen bezahlt PC für die Grundschule, ein Trampolin für den Gorndorfer Kindergarten, einen Kleinbus für die Saalfelder Streetworker, eine Unfall-Übungs-Puppe für das DRK. Es richtet den Ehrenamtstag des Thüringer Fußballverbandes aus und schickt Kinder aus sozial schwachen Familien in Sommerurlaub. "Wir haben doch eine Verantwortung für die Region, dafür, dass hier etwas passiert und dass die Leute hier bleiben", sagt Rameder. Auch deshalb engagiert er sich neuerdings verstärkt am Hohenwarte-Stausee. Nach zehn Jahren schnellen Wachstums, in denen er so konzentriert gearbeitet hat, dass "ich manchmal nicht wusste, wie das Wetter draußen ist", nimmt Tobias Rameder jetzt neue Projekte in den Blick. Er hat drei Kinder von drei Frauen, ein schönes Haus am Stausee und einen Wintersitz in Jena. Er fährt einen ziemlich großen BMW mit polnischem Kennzeichen, das ihn vor Blitzerbußgeldern schützt. Eines seiner Lieblingswörter ist "clever". Er möchte eigentlich kein Aufhebens um seine Person machen, nur dass es endlich mal einer würdigt, was da in Munschwitz entstanden ist. Dort, wo alles Denkbare machbar ist.
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